Traumberuf TFA: Jeden Tag freut man sich auf die Patienten mit und ohne Fell. Man pflegt und heilt sie und erntet den Dank der Patientenbesitzer:innen. Wie stärkend und motivierend! Der Umgang mit Tieren und die Dankbarkeit der Besitzer:innen sind erfüllend. Leben zu retten und Tiere zu heilen ist sinnbehaftet, man tut Gutes. Wären da nicht Herausforderungen, die zu Stressempfinden führen und einem die Freude vermiesen. Könnte man da nicht etwas ändern? Auf jeden Fall! Dazu muss man allerdings wissen, was genau stresst.

Feingefühl ist gefragt, um Stress vorzubeugen

TFA (und auch Tierärzt:innen) bewegen sich täglich in einer gewissen „Dreiecksbeziehung“ (Abb. 1).

Anders als Humanmediziner:innen, die mit ihren Patient:innen direkt sprechen, können wir dies nicht. Das Lesen und Deuten von Tieren mit ihren Signalen eignet man sich über viele Jahre hinweg an. Kombiniert mit dem tiermedizinischen Wissen, welches man durch Fortbildungen stets auf dem modernen Stand der Wissenschaft hält, arbeiten TFA und Tierärzt:innen gemeinsam an einer geeigneten Diagnostik und gezielten Behandlung. Die Gesunderhaltung oder Genesung bzw. Lebensrettung der anvertrauten Tiere stehen dabei stets im Fokus (Abb. 2). 

Doch zu jedem Tier gehört auch ein Mensch, dem man die „tierischen Signale“ übersetzen und das daraus resultierende Vorhaben nahebringen muss. Dies erfordert teilweise hohes psychologisches und situationsangepasstes Feingefühl, denn Patientenbesitzer:innen kennen ihre Tiere sehr gut, können diese allerdings nicht immer so gut deuten wie TFA und Tierärzt:innen. Somit muss man den Besitzer:innen gegenüber wertschätzend und nahbar agieren, aber professionell. Notwendige Schritte erklärt man mit Haltung, aber empathisch, mit dem Ziel, gemeinsam das Beste für das Tier zu erreichen. Und dafür braucht man die Besitzer:innen auf seiner Seite, was leider nicht immer einfach ist! 

Abb.2 | Viele beschreiben ihren Job als den schönsten Beruf überhaupt.
© Fat Camera/E+/Getty Images

Gut zu wissen

Um Missverständnissen und möglicherweise einer Eskalation aufgrund von Unverständnis vorzubeugen, sollte man im Team verschiedene schwierige Situationen mit den Patientenbesitzer:innen durchsprechen sowie gemeinsame Lösungsschritte einüben. So kann man stressige oder auch belastende Situationen mit Besitzer:innen vermeiden und agiert zudem kundenorientiert. Alle Tipps und Tricks zur Kundenkommunikation kann man in einem „Verhaltensleitfaden“ speichern. Hilfe von außen, z.B. durch einen Kommunikations-Coach, ist ebenfalls legitim.

Mangelnde Wertschätzung wird als Stressfaktor unterschätzt

Viele kennen es: kleine Hänseleien, Beschwerden, bis zum ständigen „Fertigmachen“ wegen jeder Kleinigkeit. Vom Ignorieren, Einschüchtern, Isolieren bis zur Benachteiligung gibt es viele Seiten dieser Geringschätzung. Dabei kann es nur eine Person betreffen (Ungleichbehandlung innerhalb des Teams) oder gesamte Gruppen (z.B. Wertschätzung der Tierärzt:innen, Geringschätzung der TFA bzw. Geringschätzung des gesamten Teams). Wie man es auch dreht und wendet: Mangelnde Wertschätzung führt zu einschneidenden und stressauslösenden Erlebnissen im Alltag und führt unter anderem zu Resignation und Hilflosigkeit

Dabei entspricht eine mangelnde Wertschätzung nicht immer einem Vorsatz. Viele Arbeitgeber:innen oder auch Teammitglieder haben einfach keine Zeit, sich mit den Stärken, den Schwächen oder den Wünschen der anderen oder des Teams zu beschäftigen.

Ein wertschätzendes Miteinander beginnt schon im Kleinen: 

  • ein Lächeln
  • Danke und Bitte
  • Zuhören
  • Zeit haben oder 
  • auch mal ein „gut gemacht“

Manchmal würde es schon helfen, niemanden mehr anzuschreien oder für Fehler verantwortlich zu machen. 

Tipp: Im Team kann man auch einen „Verhaltensleitfaden“ erarbeiten: „Was versteht Ihr unter wertschätzendes Miteinander?“ 

“Time to change”

Not-, Nacht- und Wochenenddienste sind in der Tiermedizin schon lange als Stressfaktoren bekannt. Volle Wartezimmer (Abb. 3) und ungeduldige Patientenbesitzer:innen landen ebenfalls häufig auf der Liste der Stressfaktoren im Alltag. Auch fehlende Pausen zahlen auf ein bereits volles Stresskonto ein. Woher soll die Energie kommen, wenn keine Zeit für Regeneration bleibt? 

Um Stressauslöser zu finden, bleibt es nicht aus, sich die grundlegende (Tages-) Struktur der Praxis oder Klinik nochmals genauer anzusehen. Viele (unnötige) Strukturen haben sich über viele Jahre etabliert und dazu geführt, dass man Flexibilität und Anpassungsfähigkeit einbüßt. Gibt es Prozesse, die man verschlanken könnte? Ließen sich Vorgänge digitalisieren oder automatisieren? 

Tipp: Wo auch immer man mit einer Verbesserung startet, es ist wichtig, dass man erste Schritte macht!

Veränderungen …

  • können unbequem sein,
  • benötigen Zeit,
  • brauchen eine klare Zielvorgabe und 
  • manchmal auch etwas Mut. 

Aber ohne Veränderung kommt man nicht vorwärts.

Tipp: Startet im Kleinen! Schaut, welche Veränderungen einfach umzusetzen sind, und freut Euch, wenn diese Veränderungen gelungen sind. Dann kommt der nächste Schritt. 

Vorhaben müssen dabei immer im Team abgestimmt werden, sodass alle die Möglichkeit haben, sich einzubringen und mitzuziehen.

Abb.3 | In einem vollen Wartezimmer ist die Stimmung nicht immer so gelöst.
© AzmanL/E+/Getty Images

Kurz und knapp

Wenn man den Blick für Stressfaktoren schärft, egal ob im täglichen Miteinander oder in Bezug auf die Praxis-/Klinikstruktur, hat man einen ersten extrem wichtigen Schritt getan: Man hat hingesehen. Der nächste Schritt wäre dann: Was löst Stress bei mir aus, und was kann ich dagegen tun? Denn das Ziel sollte sein, dass unser Traumberuf allen wieder Freude bereitet. Denn Freude beim täglichen Tun führt zu Zufriedenheit und Motivation sowie einer besseren Standhaftigkeit in herausfordernden Situationen. Und davon gibt es ja eine Menge in der tierärztlichen Tätigkeit.