Atypische Weidemyopathie
Wenn das eigene Pferd festliegend, schwankend oder mit steifem Gang und nass geschwitzt auf der Weide gefunden wird, ist für viele Pferdebesitzer klar: Das ist ein Notfall! Doch was kann dahinter stecken, und wie kann dem Pferd am besten geholfen werden?

Bild von Hans auf Pixabay
Was ist die atypische Weidemyopathie?
Die atypische Weidemyopathie ist eine Muskelerkrankung, die besonders im Frühjahr und im Herbst bei Pferden mit Weidegang auftritt. Es können mehrere Pferde der Herde betroffen sein.
Lange Zeit war die auslösende Ursache nicht klar, bis man das Hypoglycin-A (HGA) mit dem Krankheitsbild in Verbindung brachte. Dieses kommt in Europa vor allem in Ahornsamen und -setzlingen des Bergahorns (Acer pseudoplatanus, Abb. 1) vor. Besonders viel Hypoglycin-A sammelt sich nach kalten Nächten in den Samen an. Während die Samen besonders im Herbst für die Pferde zugänglich sind, kommen die Setzlinge im Frühjahr vor. Wenn im Herbst die Weide meist schon abgefressen ist, tendieren die Pferde eher dazu, die Samen aufzunehmen. Die atypische Weidemyopathie tritt deshalb saisonal bedingt verstärkt im Herbst und Frühjahr auf.
Was macht das Hypoglycin-A im Körper?
Hypoglycin-A ist eine Aminosäure, welche im Körper ein wichtiges Enzym in den Mitochondrien (Abb. 2) hemmt. In der Folge werden die Muskelzellen mit weniger Energie versorgt und sterben ab. Vor allem betroffen ist die Typ-1-Muskulatur (u.a. Halte-, Herz- und Atemmuskulatur.)
Welche Symptome zeigen diese Patienten?
Die Pferde zeigen:
- plötzliche Schweißausbrüche
- Apathie
- Steifheit
- Schwäche
- Muskelzittern
- blasse Schleimhäute
- forcierte Atmung
- einen erhöhten Puls (Abb. 3)

Mit Voranschreiten der Krankheitsdauer kommen viele Pferde zum Festliegen. Dadurch kann es dann ähnlich wie bei einer Kolik aussehen. Besonders auffallend bei der atypischen Weidemyopathie ist jedoch, dass der Appetit meistens erhalten bleibt.
Achtung: Die Letalität in den ersten 72 Stunden liegt bei > 90 %. Daher ist schnelles Erkennen und Handeln essenziell. Sonst kann es im schlimmsten Fall passieren, dass das Pferd morgens tot auf der Weide aufgefunden wird.
Gut zu wissen
Durch die zerstörten Muskelzellen wird viel Muskelfarbstoff (Myoglobin) frei. Dieser gelangt in den Urin und färbt diesen dunkelrot-bräunlich.
TIPP
Achtet bei der Auswahl der Reinigungsmittel und -verfahren unbedingt auf die Materialverträglichkeit, v.a. bei empfindlichen optischen Geräten.
Therapie: nur unterstützend!
Leider gibt es kein Gegengift, das heißt man kann nur symptomatisch therapieren.
Dazu gehört:
- wenig Stress und Bewegung (ggf. mit dem Transporter in den Stall bringen)
- warm eindecken
- Infusionen
- Entzündungshemmer und Vitamin E
TIPP
Achtet bei der Auswahl der Reinigungsmittel und -verfahren unbedingt auf die Materialverträglichkeit, v.a. bei empfindlichen optischen Geräten.
Vorbeugen ist der beste Schutz
Prophylaktisch sind folgende Maßnahmen empfehlenswert:
- Weidegang im Herbst und im Frühjahr < 6 Stunden, besonders nach den ersten Nachtfrösten, v.a. Jungtiere
- Pferde in der kritischen Saison gut mit Heu und Mineralfutter zufüttern
- trockenen Unterstand zur Verfügung stellen, damit die Pferde sich eher dort aufhalten als auf der Weide
- Weiden mit Ahornbäumen dringend meiden!
Kurz und knapp
Bei der atypischen Weidemyopathie handelt es sich um eine schwerwiegende und häufig tödliche Erkrankung. Daher ist es super, wenn Ihr Besitzer über die richtigen vorbeugenden Maßnahmen aufklären könnt, um die Erkrankung möglichst zu vermeiden. Sollte ein Pferd doch leider erkranken, ist es entscheidend wichtig, dies schnell richtig zu erkennen, um es zügig behandeln zu können.
Nina Weltrich
Fachtierärztin für Innere Medizin der Pferde
Pferdeklinik Burg Müggenhausen GmbH
